Interview mit Doris Yeh von Chthonic

Für uns ergab sich die Möglichkeit zu einem EMail Interview mit Doris Yeh, Bandleader, Bassistin und Background Vocalistin der taiwanischen Extremmetalband Chthonic. Was sie über ihre Band, ihre Musik und ihr Land zu sagen hat, lest selbst.
TrashAndRiot: Hier sind sicherlich eine Menge Leute, die noch nie von euch gehört haben. Wie seid ihr zusammen gekommen und vor allem: wie seid ihr zum Black Metal gekommen?
Doris: CHTHONIC wurden 1996 von Sänger Freddy gegründet. Die Band nutzt musikstilistische Elemente des extremen Metals, aber das Konzept und die Story, die sich im Inneren verbergen, ist die Geschichte und Mythologie Ostasiens.
Anfangs gab ein keinen Konsens über dem musikalischen Stil, denn es war damals noch schwer Anhänger des extremen Metals zu finden. Aber 1999 bzw 2000 kamen ich und Gitarrist Jess zur Band und wir verständigten uns darauf, extreme Musik zu machen. Seit der Zeit schrieben CHTHONIC viele gute extreme Songs.
Da unsere Musik die Stile von Black Metal, Death Metal, Folk Metal und auch dem traditionellen Instrument "Hena" (Zweisaitige Violine) verbindet, um das Gefühl der Trauerigkeit zu beschreiben, definieren wir uns nicht als Black. Wir benutzen lieber den Begriff "Extremmetal" für unsere Band.
TrashAndRiot: Fast niemand hier denkt an Metal, wenn man an Taiwan denkt. Gibt es eine Szene oder seid ihr eine Ausnahme?
Doris: Taiwan kam in den späten 1990ern zum Metal. Und jetzt kommen immer mehr Metalbands hoch, es gibt mindestens 100 in Taiwan. Aber es gibt nicht nur Metal; andere Genres wie Punk, Post-Rock, Indie-Pop… Diese wachsen schneller als Metal in Taiwan.
Es gibt auch viele gute Metalbands in Japan, Korea, Hong Kong, Singapore … aber viele von denen touren nicht in den westlichen Ländern, deshalb kennen sie nicht so viele Leute. Aber ich denke, dass in der nahen Zukunft mehr und mehr ostasiatische Metalbands in die internationale Metalszene stoßen werden.
TrashAndRiot: Habt ihr auch andere Genres ausprobiert?
Doris: Ja, wenn es um mich geht, ich habe in der Universität in einer Jazzband gespielt. Und ich habe eine Power Metal Band nur mit Mädchen.
TrashAndRiot: Black Metal, als Genre, wird mehr oder weniger von einer handvoll skandinavischer Bands dominiert. Könnt ihr euch an die Reaktionen des Publikums erinnern, als ihr zum ersten Mal in Europa aufgetreten seid?
Doris: Unsere erste Show in Europa war beim Wacken Open Air 2007 in Deutschland. Die Reaktionen waren überwältigend!! Ich kann mich immer noch gut an die Szene dort erinnern. Es war die beste Reaktion, die wir auf einer Nordamerika- oder Europatour bisher bekamen. Eine riesige Menschenmenge erwartete uns vor der Bühne und als zwei Freundinnen von mir sich zur Bühne durchquetschen wollten um uns zu sehen, kam von den Jungs vorne nur "Hey, bitte! Wir warten seit vier Jahren auf CHTHONIC! Bleibt zurück!" Die Fans haben so laut gesungen, ich kann mir nicht einmal vorstellen, wie sie unsere Songs singen konnten. Ich war schockiert, aber überglücklich.
TrashAndRiot: Es dauerte eine Weile, bis das europäische Publikum mit eurer Musik in Kontakt kam. Wie war es für euch, als es endlich so weit war?
Doris: Wir verkauften bereits unser letztes Album "Seedig Bale" in Europa. Es war an der Zeit für uns, zu einer anderen Szene zu wechseln und kurz nachdem wir am Ozzfest 2007 und W:O:A teilnahmen, fingen SPV Records an, uns zu kontaktieren, um die vorherigen Alben zu veröffentlichen und eine Kompilation zu machen. Und nachdem wir das letzte Album "Mirror of Retribution" aufgenommen hatten, zeigte Spinefarm Interesse an uns und das gibt uns mehr Chancen, unsere Arbeit den europäischen Fans zu präsentieren.
TrashAndRiot: Wie in eurem Genre üblich beinhaltet eure Musik religiöse und ideologische Themen. Wohl nur wenige von uns haben tiefgreifende Kenntnis der taiwanesischen Kultur. Würdet ihr uns bitte etwas über euren kulturellen Hintergrund erzählen?
Doris: Taiwan ist ein Land mit unzähligen Tragödien. Wir wurden von vielen Ländern besetzt und somit kommen viele verschiedene Elemente zusammen - von den Ureinwohnen, den "Tayan", Holland, Spanien, Japan und China.
1945, nachdem die chinesische Arme (KMT) den Bürgerkrieg gegen die chinesischen Kommunisten auf dem Festland verlor, zogen sich Millionen von Chinesen nach Taiwan zurück und Taiwan ertrug die Last des Konflikts und der unfairen Behandlung unter der Regierung der chinesischen Armee (KMT). Alles Eigentum wurde von den Chinesen gestohlen und sie druckten die New Taiwan Dollars, um den alten Taiwanese Dollars zu ersetzten. Meine Großmutter beispielsweise sparte ihr ganzes Leben all ihr Geld und am Ende kann sie nicht einmal einen Sack Reis kaufen. Die KMT verbot den Taiwanern in ihrer Muttersprache zu sprechen und brachten ihnen Chinesisch bei. Sie respektieren unsere Kultur in keiner Weise.
Die schlimmste Tragödie passierte 1947, die auch der Hintergrund unseres Albums ist. Die KMT schlug einen Volksaufstand blutig nieder, welcher sich über ganz Taiwan ausbreitete; wir nennen es das "228 Massacre". (A.d.R.: Der Aufstand wurde am 28. Februar 1947 niedergeschlagen.) Mehr als 100.000 Personen, auch aus der Elite, kamen dabei ums Leben oder wurden vermisst.
Jetzt regierten die Taiwaner endlich seit acht Jahren das Land, aber die KMT nutzt alle Ressourcen und zwingt die Medien und China, die Taiwaner zu beeinflussen kam somit im vergangenen Jahr wieder an die Macht.
(A.d.R.: Die Demokratische Fortschrittspartei regierte in Taiwan von 2000-2008 und verfolgte eine Politik der nationalstaatlichen Eigenständigkeit, aber im vergangenen Jahr wurde die KMT wieder an die Spitze der Regierung gewählt.)
Die Situation ist derzeit, dass Taiwan ein unabhängiges Land ist, aber die anderen Länder es nicht als Unabhängig anerkennen, denn die Pro-China-Partei (KMT) ist nah an der chinesischen Regierung. Und es ist eine Tatsache, dass die chinesische Regierung über 1.000 Raketen gen Taiwan gerichtet hat und bekunden, Taiwan wäre ein Teil Chinas, so wie Tibet. Wir kämpfen seit Jahren gegen diese Bullshit-Situation; wir haben eine Organisation, die den Menschen beibringt, wer sie sind und ihnen die Werte unserer Kultur und die Wichtigkeit des Regimes in unserem Land aufzeigt.
TrashAndRiot: Habt ihr euch auch mit den Themen eurer europäischen Kollegen beschäftigt?
Doris: Ja, manchmal. Ich kann mich noch daran erinnern, als wir Ende 2007 mit Ensiferum durch Europa tourten. Einen Tag feierten sie ihren Unabhängigkeitstag im Tourbus. Ich habe mich für sie gefreut aber ich spürte auch eine tiefe Trauer in meinem Herzen. Ich wünsche mir, dass wir eines Tages unseren eigenen Unabhängigkeitstag als Nationalfeiertag haben werden (denn jetzt feiern wir unseren Nationalfeiertag an dem Tag, an dem die Chinesische Armee eine Schlacht auf dem chinesischen Festland gewann … wie lächerlich).
(A.d.R.: Der finnische Unabhängigkeitstag ist der 6. Dezember - 1917. Aber das ist eine andere Geschichte.)
TrashAndRiot: Was sind eure Haupteinflüsse?
Doris: Tawanische und ostasiatische Geschichte, Mythologie, Philosophie und traditionelle Kultur; musikalisch sind wir beeinflusst vom extremen Metal, Thrash Metal, Power Metal und auch unserer traditionellen Folklore Musik.
TrashAndRiot: Denkst du, dass es einfacher oder schwieriger ist, für euch als "Exoten" außerhalb Asiens Aufmerksamkeit zu erregen?
Doris: Das weiß ich noch nicht. Manchmal ist es gut, manchmal aber auch schlecht. Manche Leute nehmen ganz andere Melodien und ein ganz anderes Konzept unserer Musik auf und erkennen an, dass wir so viele verschiedene Elemente einbringen, die sie inspirieren. Sie versuchen in die Schönheit unserer Musik einzudringen. Andere Leute schauen einfach auf uns nieder und denken, dass Metal das Patent der westlichen Welt wäre. Aber ich denke, dass die verschiedenen Bands verschiedene Schwierigkeiten zu überwinden haben und wir haben die Entschlossenheit, diesen entgegen zu treten.
TrashAndRiot: Frauen sind - mit Ausnahme der Gothic Metal Szene - immer noch rar in der Metalszene. Wo stehst du in der Band und wie ist es für dich, mit vier Jungs zu touren?
Doris: Ich bin derzeit der Leader der Band. Ich denke nicht, dass die anderen Bandmitglieder mich als Mädchen sehen. Ich mache nichts anderes als sie und es ist nichts Besonderes für mich auf Tour. Wie arm ich bin…!
TrashAndRiot: Ihr seid bereits eine Menge herumgekommen. Gibt es Unterschiede im Verhalten der Fans auf den verschiedenen Kontinenten?
Doris: Ich denke, die kanadischen Fans sind am leidenschaftlichsten, die Amerikanischen sind verrückt und wahnsinnig; die Europäer sind unglaublich und schon ein bisschen höflich (PS: Ostasiatische Fans sind die höflichsten Fans der Welt). Aber ich bin von den Fans in Finnland beeindruckt, sie sind so "kühl", wenn wir auf der Bühne sind und spielen, so wie das Wetter dort. :) Aber sie sind nett und kommen nach den Konzerten zu uns und sprechen mit uns. Ich hatte dort eine gute Zeit mit den Fans.
TrashAndRiot: Hat sich für euch persönlich etwas geändert, seit ihr auch außerhalb Asiens tourt?
Doris: Ja, ich denke wir haben höhere Erwartungen an den Erfolg in der internationalen Metalszene als vorher. Es gibt so viele Herausforderungen und auch Frustration, was auf uns zukommt und was wir überstehen müssen. Das dauert mein ganzes Leben an. Die Zeit vergeht so schnell, ich will nicht aufgeben oder Chancen verpassen, ich trainiere mich selbst, jederzeit bereit zu sein.
TrashAndRiot: Gibt es Konzerte, die einen besonderen Eindruck bei euch hinterlassen haben?
Doris: Ich war sehr beeindruckt vom Backstagebereich beim Fuji Rock Festival in Japan. Sie hatten alles vorbereitet, was man benötigt, inklusive Betten, verschiedenem frischen Obst und köstlichem Essen - einfach damit du dich vor und nach der Show total entspannen kannst und dich wohl fühlst. Wenn du Artist bist, bist du König oder Königin dort drüben.
TrashAndRiot: Gibt es eine Band, mit der ihr gerne touren würdet und wenn ja, wer ist diese Band?
Doris: Slayer!! Sie sind die erste Band, deren Songs ich mit meinen High School Freunden coverte.
TrashAndRiot: Wie entstehen die Songs bei euch? Ist eine/r von euch hauptverantwortlich?
Doris: Meistens machen das unser Sänger Freddy und unser Gitarrist Jesse. Sie schreiben die Struktur, auf der alles basiert und die anderen Bandmitglieder komponieren und komplettieren. Die Lyrics stammen von Freddy. Wenn wir englische Lyrics haben, fragen wir immer ausländische Freunde, ob sie es uns übersetzten. Auf dem letzten Album "Mirror Of Retribution" half uns unser Produzent Rob Caggiano (Gitarrist von Anthrax) beim Schreiben und er übersetzte auch viele der englischen Lyrics.
TrashAndRiot: Seit ein paar Tagen ist euere aktuelle Veröffentlichung in den Läden. Gibt es bei dem Album eine spezielle Story?
Doris: Es geht um den jungen Mann "Tsing-guan", der ein Medium ist, in die Hölle eindringt und dort das "Book of Life and Death" vom "Ghost King" stiehlt. Er beabsichtigt, mit Hilfe des Buches den Tyrannen der chinesischen Armee (KMT) zu töten, welcher 1947 Taiwan besetzte. Die KMT tötete über 100.000 Taiwaner, wir nennen dies "228 Massacre".
Die Freunde des jungen Mannes waren alle Rebellen in der "27th Brigade", welche gegen die chinesischen Eindringlinge kämpften und Tsing-guan schloss einen Pakt mit ihnen, dass er ihnen seine sterblichen Überreste im Keller des "Sing Ling Temples" hinterlassen würde, wenn er in die spirituelle Welt eindränge, um das "Book of Life and Death" zu stehlen. Aber am Ende scheitert er. Er wird vom Ghost King bestraft und musste hinter dem "Mirror of Retribution" (zu deutsch: Spiegel der Vergeltung) bleiben, um Leben kommen und gehen zu sehen und sein Leid zu ertragen, bis alle Lebewesen verschwunden sind.
TrashAndRiot: Hast du einen Lieblingssong auf dem Album? Und hast du einen speziellen Song, den du gerade live bevorzugst? Und warum ist es genau dieser Song / sind es diese Songs?
Doris: Ich mag "49 Theurgy Chians" am liebsten. Wir haben dazu auch unser erstes Musikvideo gemacht. Ich liebe das Lied, denn es beschreibt den Kampf in Tsing-guans Herzen, als er sich zum Selbstmord entschließt um in die Hölle zu gelangen und das Buch zu stehlen. Es ist wie ein unabwendbares Schicksal mit einer Tragödie, aber er hat keine Wahl. Der Entschluss steht fest, und auch wenn er es nicht geschafft hat, zählt die Tatsache an sich.
Live mag ich "Rise Of The Shadows" am liebsten. Es hat diese Melodie, die Riffs sind sehr direkt und der Song bringt sehr viel Power auf die Bühne.
TrashAndRiot: Habt ihr bereits Pläne, wieder nach Europa / Deutschland zu kommen?
Doris: Unser Bookingagent in Europa arbeitet gerade an einer Europatour Ende diesen Jahres oder Anfang des Nächsten. Ich glaube, wir werden bald Daten bekannt geben.
TrashAndRiot: Wie sehen eure Ziele für die Zukunft aus?
Doris: In der nahen Zukunft möchte ich mit meiner Band erfolgreich sein. Für die Zukunft allgemein will ich mein Bestes geben und versuche, alle meine Wünsche wahr werden zu lassen.
TrashAndRiot: Wie seid ihr an eure Vornamen gekommen? Gibt es dazu eine spezielle Geschichte? Die Namen hören sich nicht taiwanisch an.
Doris: Du meinst "Doris Yeh"? In den Englischstunden in der taiwanischen Schule sollen wir uns selbst englische Namen geben. Wir fangen bereits in der Grundschule mit den englischen Namen an. Es ist nicht einfach für die Kinder, sich selbst englische Namen zu geben, denn sie sind noch nicht in der Lage, überhaupt Englisch zu sprechen, sie sind noch Kinder. Viele fangen mit verniedlichten Namen an, wie "Annie", "Jackie", "Jesse", "Sunny" usw.
Zu "Doris" kam ich durch ein Missverständnis. Ich mochte die Sängerin von The Cranberries, als ich in der Junior High School war und der Englischlehrer fragte mich, welchen Namen ich gerne hätte. Ich stotterte etwas von Do….ro…ris(?)…. Und mein Lehrer verstand mich falsch, er sagte: "Oh! Du meinst Doris!" Das ist die Geschichte meines Namens. Mein Familienname "Yeh" bedeutet "Blatt", wir stellen diesen immer hinter unsere englischen Namen.
Mein taiwanischer Name "Hsiang-Yi Yeh" wird nur von engen Freunden oder innerhalb der Familie benutzt. Oder manchmal in nicht englischsprachigen Klassen in der Schule.
TrashAndRiot: Habt ihr Tipps für eure Fans, was sie sich in Taiwan ansehen sollten, sollten sie ihren Urlaub dort verbringen wollen?
Doris: Geht nicht in die Chang-Kai-Shek Gedenkhalle in Taipei. Das ist die Tyrannei der chinesischen Arme (KMT). Hört nicht die Nachrichten im Fernsehen, die meisten TV Stationen gehören Pro-China Investoren oder sind mit der chinesischen Regierung verbunden. Das ist ihr Werkzeug, den Taiwanern klar zu machen, sie wären Chinesen und dass unsere Zukunft China sei… alles Bullshit. Du bekommst keine sinnvolle oder richtige Information dort.
Ich rate den Leuten an, nach Südtaiwan zu gehen. Taipei ist nichts Besonderes, wenn du es mit anderen Städten auf der Welt vergleichst. Aber in Südtaiwan gibt es noch viele traditionelle Taiwaner, die ihre Kultur leben und unabhängig sind.
TrashAndRiot: Famous last words.
Doris: Das Ergebnis ist der Prozess. Der Prozess ist das Ergebnis.
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