Interview mit Mathias "Warlord" Nygård von Turisas
Turisas war der finnische Kriegsgott - damals als man noch verschiedene Gottheiten hatte. Heute ist Turisas eine Band, die Battle Metal spielt, wenn man es denn kategorisieren will, ganz simpel ausgedrückt. Hört sich logisch an, wenn man den Ursprung ihres Bandnamens betrachtet. Und dem entspricht auch das Bild ihres Auftritts: die Gesichter in rot / schwarz geschminkt und Kleidung in einstmals ausrangierten, aber dennoch echten Pelzen, der alten Zeit angepassten und augenscheinlich selbst geschneiderten Lederhosen und -oberteilen und Schwertern, versteht sich von selbst. Um sich zu spezialisieren haben sie einen Geiger sowie eine Akkordeonspielerin im Aufgebot.Turisas touren seit einem guten Jahr um die Welt, unzählige Konzerte spielten sie in den letzten 13 Monaten. Im Februar 2009 kamen sie im Hamburger Grünspan vorbei und wir trafen Mathias "Warlord" Nygård für ein bisschen Smalltalk und stellten ihm ein paar Fragen.
finnbands: In einem anderen Interview erzählte uns eine Band, das Schwerste daran, in einer Band zu sein, wäre ein Album zu kreieren und es heraus zu bringen.
Entspricht dies in deinen Augen den Tatsachen? Was ist für dich das Schwerste am Bandleben?
Mathias: Natürlich entspricht dies auf eine gewisse Weise den Tatsachen, denn das Leben auf Tour nimmt einen Automatismus an. Du musst nicht darüber nachdenken, was du machst, weil du genau das Gleiche jede Nacht machst. Klar ist es irgendwie schwierig, eine neue Platte zu schreiben, neue Songs und neue Musik zu machen. Aber gleichzeitig ist es das, was wir lieben. Es ist also eine Herausforderung, der du dich die ganze Zeit stellst. Aber eigentlich denkst du nicht darüber nach, was am schwierigsten ist.
Die Tiefpunkte hast du eher, wenn du lange Zeit auf Tour bist und nicht nach Hause kommst. Aber auch das gehört dazu.
finnbands: Ihr wart beinahe das gesamte Jahr auf Tour.
Mathias: Yeah.
finnbands: Über einhundert Konzerte...
Mathias: Ich glaube, es waren 130 Shows im vergangenen Jahr.
finnbands: Wie haltet ihr das aus?
Mathias: Das geht schon *grinst*. Es ist genau das, was wir machen wollen. Natürlich könnten wir nur vier Wochen im Jahr spielen, aber das würde uns nirgendwohin bringen. Wir wollen mit der Band arbeiten, wir wollen auf Tour gehen und live spielen. Einige Hundert sind schon hart, aber die meiste Zeit macht es Spaß.
Allein diese Tour war schon ziemlich lang, sie fing bereits im September an. Und noch immer sind wir auf derselben Tour mit Dragonforce. Wir waren auf den Britischen Inseln und danach in Amerika. Zum Jahreswechsel waren wir zu Hause und danach gingen wir wieder auf diese Tour. Aber nun ist es nur noch eine Woche und dann war's das. Das ist unser Leben!
finnbands: Und danach macht ihr eine Weile Tourpause?
Mathias: Nun, wir haben eine weitere Tour in Europa, hauptsächlich Osteuropa, Polen und der Balkan und so. Es wird ein paar ruhige Tage geben, wo wir nach Südeuropa gehen, denke ich. Wir touren vier Wochen mit Cradle of Filth und Moonspell. Das ist dann erstmal die letzte Tour. Es folgen noch ein paar Sommerfestivals, aber wir entschieden uns dafür, diesen Sommer nicht zu viele Konzerte zu spielen. Wir werden in Wacken sein und noch ein paar Festivals im August, soweit ich weiß.
finnbands: Habt ihr Zeit, auf Tour an neuem Material zu arbeiten?
Mathias: Irgendwie ist da schon Zeit. Wir haben es in Amerika versucht; die Tour dauerte war acht Wochen. Wir bauten ein kleines Studio im Bus auf und nahmen dort auf. Aber die ganze Sache mit dem ununterbrochenen Reisen, hier und da mal eine Stunde Zeit haben - ich kann in der Situation nicht wirklich etwas schaffen. Es ist keine Zeit, dich wirklich auf das zu konzentrieren, was du gerade tust. Das bedeutet also, dass wir uns den Rest des Jahres nach dieser Tour freihalten werden, um neue Songs zu schreiben.
finnbands: Im Rock'n'Roll gibt es dieses "27er Phänomen", also dass die Leute mit 27 Jahren sterben. Gerade letzte Woche starb der Ex-Sentenced Gitarrist, Miika Tenkula. Man hat noch nicht herausgefunden, woran er tatsächlich starb, aber man führt es auf Alkoholmissbrauch zurück.
Denkst du, dass es auch heute noch zum Musikgeschäft dazu gehört, Drogen zu nehmen und zu viel Alkohol zu trinken, oder gehört das eher in die Achtziger?
Mathias: Ich habe gestern nur von der Geschichte des Sentenced Typen gehört und ich weiß nicht, worum es dabei ging. Ich habe keine Nachrichten verfolgt oder so, und ich weiß wirklich nichts darüber.
Aber klar, in diesem Geschäft gibt es viele Leute, die sich mit Drogen und Alkohol und so abschießen. Aber es gibt auch sehr viele Leute, die wissen damit umzugehen. Natürlich ist es in diesem Geschäft gefährlicher als vergleichsweise in einem Bürojob. Da hast du kein Bier oder Vodka ununterbrochen um dich herum, den ganzen Tag und auch jede Nacht. Auf einer Tour wie dieser hast du das. Also ist es viel leichter zuzugreifen.
Aber ich weiß nichts über den Sentenced Fall, also kann ich da nichts zu sagen.
finnbands: Wie beschäftigt ihr euch, bevor ihr auf die Bühne geht?
Mathias: Nun, bevor wir auf die Bühne gehen, haben wir die Kostüme und so. Eine Stunde bevor wir auf die Bühne gehen, beginnen wir uns bezüglich Gesang und Instrumente warm zu machen. Dann ziehen wir uns um und diese ganzen Sachen, trinken unser Bier aus und spielen. In dieser Stunde konzentrieren wir uns darauf, was wir machen werden und dann geht es los.
finnbands: Stell dir mal vor, euer Gepäck mit den Kostümen und eurem Make Up würde vor einem Konzert gestohlen werden. Was würdet ihr machen? Würdet ihr dennoch das Konzert spielen?
Mathias: Oh, das kommt darauf an *lacht*. Manchmal gehen die Sachen in Flugzeugen verloren. Wir würden nicht auf die Bühne gehen, wenn wir zu viele Kompromisse in unserer Show eingehen müssten. Weißt du, wir würden nicht da rauf gehen und als Turisas spielen. Die Leute erwarten etwas und wir kommen in Jeans. Es geht nicht nur darum, die Songs zu spielen, dann würden wir das Konzert ausfallen lassen. Aber vorher würden wir versuchen, kreativ zu sein und neue Ideen für die Kleidung zu entwickeln.
finnbands: Letztes Jahr habt ihr eure DVD "A Finnish Summer with Turisas" veröffentlicht. Was ist das Besondere an dieser DVD?
Mathias: Der Focus dieser DVD ist ein anderer, als das was du bekommst, wenn du normalerweise eine Live DVD kaufst. Diese konzentrieren sich auf die Liveshows und die Auftritte. Diese sollen bestmöglich aussehen und der Sound soll großartig sein.
Bei uns war es mehr so, dass wir letzten Sommer sehr viele Shows in Finnland spielten. Wir haben den ganzen Sommer über eine Art Dokumentation gedreht, während wir auf den Festivals waren. Manche Festivals waren sehr nett, aber du hast da auch das Tageslicht und diese Sachen. Es gibt also keine großartige Lichtshow. Es geht mehr um die gesamte Atmosphäre in unserem Heimatland. Es teilt sich in… also klar, da sind die Liveclips und die Songs, die wir live spielten. Und es gibt die einstündige Dokumentation, die der Band folgt und es gibt auch die… leider geht der Rest dessen, was Mathias noch sagte, in der Unruhe im Raum unter
finnbands: Was ist typisch für einen finnischen Sommer?
Mathias: Typisch für einen finnischen Sommer? Nun, das Offensichtlichste ist, dass es die ganze Zeit sehr hell ist. Das ist klar.
Und ich denke, du kennst die Festivals in Finnland. Diese sind in der Natur und in einer netten Umgebung.
Natur, Helligkeit, Sauna und Schwimmen. Das ist, was die Sommerzeit für MICH ausmacht.
finnbands: Ihr habt Boney Ms "Rasputin" gecovert. Der Song ist wahnsinnig bekannt. Glaubst du, dass ihr durch dieses Cover bekannter geworden seid?
Mathias: *denkt nach*
finnbands: Kannst du dir vorstellen, dadurch Leute erreicht zu haben, die vorher niemals von euch gehört haben?
Mathias: Vielleicht. Aber es ging nicht um die Idee, für Leute, die sonst nicht zu unserer Musik gefunden hätten, einen leichteren Zugang zu schaffen. Wir kamen auf die Idee, als wir mit dieser Band begannen Headlinershows zu spielen und nur ein Album hatten. Wir brauchten etwas, um das Set länger zu machen. Also suchten wir dieses Cover aus, und spielten es anfangs nur live. Die Fans fanden den Song toll. Wir planten nie, den Song aufzunehmen, aber die Leute fragten viel danach und deshalb entschlossen wir uns, es doch zu machen. Und wir nahmen auch ein Video auf.
Vielleicht hatte es Wirkung, aber eigentlich kann ich mir das nicht vorstellen. Es ist für uns mehr ein Schritt zur Seite, denn unser eigenes Material ist anders. Aber der Song funktioniert live sehr gut und die Leute lieben es, wenn wir den Song spielen. Ich denke jedoch nicht, dass es uns ein neues Publikum gebracht hat.
finnbands: In meinen Augen sieht es so aus, als wäre Pagan / Viking / Battle Metal, wie auch immer man es nennen will, derzeit beliebter und erfolgreicher als noch vor ein paar Jahren. Siehst du das auch so und hast du eine Erklärung dafür, warum es derzeit so beliebt ist?
Mathias: Ja, absolut! Als wir mit der Band begannen, gab es so etwas nicht. Natürlich gab es Bands, die Folklore und Folk Elemente mit Metal kombinierten. Amorphis beispielsweise in den Neunzigern. Dies war ein großer Einfluss für uns persönlich. Aber es gab keine wirkliche Szene, wie es sie heute gibt. Sie existierte definitiv nicht.
All die Bands, merkwürdigerweise sind viele davon Finnisch, begannen zur gleichen Zeit ähnliches Zeug zu machen. Aber ursprünglich standen wir nicht in Kontakt.
Ich kann mich erinnern, als ich die erste Demo C-Kassette von Moonsorrow bekam und dachte, ‚oh, da ist noch eine Band, die auch ähnliches Material hat'. Und es ist lustig, wenn du dir ansiehst, wie groß es geworden ist, da es vor ein paar Jahren noch so klein war.
Aber warum es so beliebt geworden ist? Da ist etwas, was großes Interesse weckt, was das füttert, was die Leute mögen.
Es kommt mir so vor, dass viele Bands sich die gleichen Fans teilen, aber die Bands haben alle einen differenzierten Sound. Keine der Bands hört sich genau an wie eine der anderen. Natürlich kommen mehr und mehr Bands hervor, die ähnliches Zeug wie ihre Idole spielen, das ist ein bisschen langweilig. Aber die erfolgreichsten Bands haben ihren eigenen speziellen Sound. Und die Fans wissen die verschiedenen Bands zu schätzen.
Aber warum ist es jetzt so groß: ich weiß es nicht. Harte Arbeit und etwas Neues, was du den Leuten geben kannst.
finnbands: Wir sind jetzt im Grünspan. Ursprünglich sollte das Konzert heute im Knust stattfinden. Weißt du, warum das Konzert verlegt wurde?
Mathias: Das weiß ich nicht, vielleicht ist der Club hier größer?
finnbands: Das dachten wir auch, aber wir sind uns nicht so sicher.
Mathias: 2005 spielten wir im Knust und ich glaube, es war dort kleiner als hier. Ich denke, sie verkauften viele Tickets und sind deshalb in ein größeres Venue gezogen. Es ist aber nicht das Größte der Welt *lacht*.
finnbands: Möchtest du noch etwas sagen?
Mathias: Hm, nicht wirklich!
finnbands: Ok! Danke dir!
Mathias: Danke!
Für den Moment sind Turisas fertig mit ihrer Tour, jedenfalls wenn es um den Tourabschnitt mit Dragonforce geht. Mitte April werden sie mit Cradle of Filth wieder losziehen. Offensichtlich werden sie des Tourens nicht müde. Jene von euch, die es bisher nicht schafften, Turisas live zu sehen: geht hin und seht sie euch an, sie sind es wert!
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